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Alles nur »Selbsttäuschung«?
Wie Skeptiker die »simplen Grundlagen« des Tonbandstimmen-Phänomens erklären
von Stefan Bion
Wenn »Skeptiker«
über Phänomene urteilen, die nicht in ihr Weltbild passen, dann versuchen sie meist, diese mit allzu
einfacher Logik pauschal "wegzuerklären". So erging es auch den "Geisterstimmen",
für die der Autor Bernd Harder in seinem Buch "Die übersinnlichen
Phänomene im Test" eine
ganz »simple« Erklärung fand: Alles nur akustische Wahrnehmungstäuschungen!
Zur Veranschaulichung schildert er folgenden "unheimlichen" Fall:
... Eine ähnlich mysteriöse Geschichte rankt sich um die
Produktion des weltberühmten Albums "The Wall" der legendären
britischen Rock-Gruppe "Pink Floyd". Kurz nachdem die vier Musiker
in einem Studio in London den letzten Song der Platte, "Another brick in
the wall", eingespielt hatten, verschwand der deutsche Tontechniker der
Band, ein gewisser Peter Fischer, spurlos. Wie nur Insidern bekannt
geworden ist, bemerkte "Pink Floyd"-Sänger Roger Waters zur gleichen
Zeit eine merkwürdige Unregelmäßigkeit auf dem Band: Im
Refrain von "Another brick in the wall", der von einem afrikanischen Kinderchor
gesungen wird, war deutlich die deutsche Zeile "Holt
ihn, holt ihn unters Dach!" zu vernehmen - obwohl jedes einzelne der
Kinder glaubhaft versicherte, nicht vom englischen Originaltext abgewichen
zu sein. Der Tontechniker Peter Fischer wurde schließlich gefunden
- erhängt auf dem Dachboden des Studios. Die Nachforschungen
ergaben, daß der Deutsche früher als Betreuer in einem Waisenhaus
gearbeitet und dort mehrere Kinder mißbraucht hatte. Rache
aus dem Jenseits? Keineswegs. Denn die ganze Geschichte um "Peter
Fischer" und die unheimliche Textzeile aus "Another brick in the wall"
ist frei erfunden. Okkult-Aufklärer wie der bayerische Lehrerausbilder
Wolfgang Hund
(Hersbruck)
oder der Wuppertaler Physiker Ralf
Wambach
erzählen sie bei öffentlichen Vorträgen dennoch
gerne, um anschaulich die simplen Grundlagen des Phänomens "Geister-"
oder "Jenseitsstimmen" zu verdeutlichen. Durch die flotte Grusel-Mär
entsprechend eingestimmt, hört in aller Regel die überwältigende
Mehrzahl der Zuhörer tatsächlich den Text "Holt
ihn, holt ihn unters Dach" aus dem Refrain des Pink-Floyd-Hits heraus
- obwohl die Zeile in Wahrheit "All in all it's just
another brick in the wall" lautet. Sinn der eindrucksvollen Demonstration:
Ganz offensichtlich hört man oft nur das, was man hören will,
beziehungsweise was man auf Geheiß anderer hören soll.
(Zitat aus: Harder, Bernd: Die übersinnlichen Phänomene
im Test, S. 93-94, Pattloch-Verlag, Augsburg, 1996, ISBN 3-629-00698-1).
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Hier noch einmal der Ausschnitt aus dem Stück »Another brick
in the wall«, zuerst mit der "paranormalen Stimme", dann mit dem
(korrigierten) Original-Text:
Auch wenn man, wie hier geschehen, das Wort "holt" durch das phonetisch
besser passende "hol" ersetzt, läßt sich zwischen den
beiden Versionen allenfalls eine gewisse klangliche Ähnlichkeit feststellen.
Bei genauerem Hinhören gelingt es dagegen kaum, die deutsche Interpretation
eindeutig in den Original-Text hineinzuhören. Wer sich - auch im Falle
"ernsthaft" durchgeführter Tonbandstimmen-Einspielungen - durch unkritisches
Hören selbst betrügt, der ist selber schuld! Denn neben
bestimmten anderen, typischen Merkmalen (Sprechweise, Inhalt etc.) gehört
zu einer eindeutigen Identifizierung echter paranormaler Stimmen auch die
genaue phonetische Analyse. Somit zeigt diese anschauliche Demonstration
lediglich eine mögliche Gefahrenquelle auf, und zwar daß es
möglich ist, unter gewissen Bedingungen sinnvolle Inhalte in
unverständliche Geräusche "hineinzuinterpretieren". Sie beschreibt
aber keineswegs die Grundlagen, auf denen das gesamte Phänomen
beruht, denn dazu ist es in seiner Ausprägung zu komplex. Wer selbst
- am besten zunächst für sich allein im "stillen Kämmerlein"
(ohne den Faktor der gegenseitigen Beeinflussung, der in einer Gruppe immer
vorhanden ist) - experimentiert, wird verschiedene "Merkwürdigkeiten"
(Anomalien) feststellen, die mit diesem Phänomen verbunden sind, die jedoch
nicht allein durch "Wahrnehmungstäuschungen" zu erklären sind.
So, um nur ein Beispiel zu nennen, die noch nicht näher untersuchten
periodischen Schwankungen der Häufigkeit des Auftretens der Stimmen,
von denen bereits Jürgenson (1967) berichtete, und die in "Tonbandstimmenkreisen"
als allgemein bekannt gelten. Die von »Skeptikern« immer wieder
vorgebrachten Erklärungen liefern gerade dem Experimentator mit Praxiserfahrung
keine befriedigende Erklärung - im Gegenteil: er fühlt sich "veralbert"
ob der Dummheit und der Naivität, die ihm doch tatsächlich zugetraut
wird. Dem Autor Harder merkt man jedenfalls an, daß er keine
praktische Felderfahrung hat, sondern seine Schlußfolgerungen lediglich
auf rein theoretische Annahmen stützt. Immerhin schien das Pink-Floyd-Beispiel
so "überzeugend" zu sein, daß sie auch von Ranga Yogeshwar in der
WDR
-Sendung
Quarks&Co
(Dr. Humbug und Prof. Scharlatan
)
dem verblüfften Fernsehpublikum vorgeführt wurde.
Im Anschluß an die eingangs zitierte Gruselgeschichte folgen dann
einige Erklärungsversuche über mögliche Entstehungsursachen
vermeintlich paranormaler "Stimmen", die sich hauptsächlich auf bekannte
Irrtümer bzw. typische Fehler bei der Interpretation stützen,
die aber am eigentlichen Tonbandstimmen-Phänomen vorbeireden:
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Phonetiker wissen schon lange, daß Sprache nicht von jedem
Menschen gleich verstanden wird - je nach ihrer geographischen und damit
dialektalen Herkunft. Für den einen hört sich eine Silbe
wie "det" an, für den anderen ist es ganz eindeutig "tet".
Denn Wörter werden nicht nur über das Ohr aufgenommen, sondern erst
im Gehirn interpretiert. Dort treffen sich die gehörten Laute
und die sprachliche Erfahrung des Hörers und ergeben schließlich
das Verstandene.
Ganz gleich, ob "Tonbandstimmenforscher" aus dem weißen Rauschen
von Radio- oder Fernsehgeräten oder auch nur aus dem Plätschern
der Dusche oder eines Wassereimers die Stimmen von verstorbenen Angehörigen
heraushören wollen - die wahre Kunst liegt, wie auch beim "Backward-Masking"
(Kapitel 6: "Ein unerhörter Schwindel"), in der Interpretation.
Erst wenn einer der Anwesenden die Bandgeräusche als sinnvolle "Botschaften"
erkannt zu haben glaubt, sind auch die anderen in der Lage, sie zu verstehen.
So reicht die Bandbreite des vermeintlichen Sinngehaltes von ein- und derselben
"Tonbandstimme" bei verschiedenen Interpreten von "Hitler war gut!" bis
hin zu "Das geht durch Geburt nur!". Beim Berliner "Verein für
Tonbandstimmenforschung" (VTF) fragte einmal eine Frau ihren verstorbenen
Ehemann, wo ihre verschwundene Brille abgeblieben sei. Die reichlich
vage Antwort aus dem Jenseits: "Du sollst suchen!"
Ähnliche Wahrnehmungstäuschungen sind auch aus dem optischen
Bereich wohlbekannt: Wer lange genug konzentriert in den bewölkten
Himmel oder auf das Muster einer Tapete starrt, wird früher oder später
Gesichter, Tiere oder Gegenstände "erkennen".
In England, wo man den Glauben an Gespenster und andere unheimliche
Erscheinungen fast liebevoll pflegt, erlebte die "Tonbandstimmenforschung"
bereits in den sechziger Jahren ihr Desaster: Als ein Jürgenson-Schüler
seine "Tonbandstimmen" der "Parapsychologischen Gesellschaft" vorspielte,
identifizierten die Anwesenden die "Einspielungen" unter dem Mittelwellerauschen
als Bruchstücke aus einer bekannten und beliebten Rundfunksendung.
Solche "Pannen" sind indes wohl eher die Regel als die Ausnahme.
Denn der gesamte Äther ist voll mit Rundfunkwellen beziehungsweise
mit dem Funkverkehr von Polizei, Taxiunternehmen, Rettungsdiensten, der
Flugüberwachung etc. Sogar eine Heimorgel sendet gelegentlich
streunende Funksignale aus. Schlecht abgeschirmte Empfangsgeräte
können immer mal wieder Wortfetzen davon auffangen, die bei richtiger
Interpretation durchaus als eindrucksvolle "Jenseitsbotschaften" mißverstanden
werden können. Nicht zuletzt ist häufig beobachtet worden,
daß der "Tonbandstimmenforscher" selbst oft unbewußt flüstert
und seine eigene Stimme anschließend auf dem Band zu hören ist.
(Zitat aus: Harder, Bernd: Die übersinnlichen Phänomene
im Test, S. 94-95, Pattloch-Verlag, Augsburg, 1996, ISBN 3-629-00698-1).
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Selbstverständlich sind dem kritischen Experimentator mögliche
Fehlerquellen wie phonetische Interpretation, Wahrnehmungstäuschungen,
HF-Einstreuungen (ein "alter Hut"!) u. dgl. längst bekannt; daher
wird er seine Versuche entsprechend kontrollieren und versuchen, diese
Fehlerquellen so weit wie möglich zu eliminieren. Natürlich sind
Irrtümer - wie überall - nie mit absoluter Sicherheit auszuschließen.
Aber daß sich sämtliche Tonbandstimmen-Experimentatoren, unter
denen sich durchaus auch kritische (ja, sogar skeptische!) und technisch
versierte Fachleute befinden, über Jahre hinweg absichtlich selbst
betrügen, ist wohl eher unwahrscheinlich.
Ein weiteres Beispiel für den Versuch, das Tonbandstimmen-Phänomen
auf Wunschdenken (bzw. -hören) zurückzuführen, wurde in
der bereits kommentierten Fernsehsendung »Kaffeesatz und Gläserrücken«
gezeigt, die am 2.11.1997 auf Bayern 3 ausgestrahlt wurde.
Wolfgang Hund
demonstrierte vor Studenten einer Landwirtschaftsschule in Triesdorf/Ansbach
die »Tricks der Wahrsager und Geisterbeschwörer«:
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Täuschungsmanöver Nummer Zwei: Hund erzählt die Geschichte
vom Schlagersänger Roland Kaiser - natürlich frei erfunden. Danach
wurde Kaiser angeblich erpreßt. Um die Geldübergabe einzuleiten,
sollte der Schlagerstar in seinem neuesten Lied das Codewort »Schnitzelwagen«
singen.
(Es folgt die Einspielung des Stückes »Santa Maria« von Roland Kaiser:)
"... Heiß war ihr stolzer Blick, und tief in ihrem Innern verborgen
brannte die Sehnsucht
- Santa Maria! - den Schnitzelwagen
- Santa Maria! - ... den Schnitzelwagen
- Santa Maria! - ... den Schnitzelwagen
- Santa Maria! - ..."
(Befreiendes Gelächter des Auditoriums, als sie die "Täuschung"
bemerken.)
»Den Schritt zu wagen« heißt der Liedtext eigentlich, aber alle
sind reingefallen - Erfolg für Wolfgang Hund auf der ganzen Linie.
(Protokoll aus der Fernsehsendung »Kaffeesatz und
Gläserrücken«, gezeigt am 2.11.1997 auf Bayern 3).
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Mit solchen Demonstrationen verblüfft man vermutlich höchstens
Menschen, für die akustische Täuschungen etwas Neues sind (und die
offenbar nicht gut hören können, denn zumindest mir gelingt es nicht,
»Schnitzel« statt »Schritt zu« zu hören). Auch wenn
solche auf "Aha-Effekten" beruhenden Demonstrationen nur an der
Oberfläche der eigentlichen Phänomene kratzen, hinterlassen sie beim
Publikum doch den Eindruck, dies sei schon das ganze Phänomen, und
es sei ja alles eigentlich "ganz einfach" zu erklären. Ein
genaueres Hinterfragen der Phänomene ist offenbar gar nicht erwünscht,
denn das einzige Ziel solcher Kampagnen scheint die damit beabsichtigte
"Aufklärung" zu sein.
Fazit: Viele »Skeptiker« werfen Tonbandstimmenforschern
zwar eine unkritische Vorgehensweise vor und versuchen das Phänomen
zu "entlarven", bringen aber selbst keine befriedigende
Alternativ-Erklärung.
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