Hildegard Gesbert: Prüfet die GeisterBuchbesprechung von Fidelio KöberleDiese Broschüre wird gelegentlich in Zeitschriften angeboten, die sich mit Parapsychologie, Okkultismus u.ä. befassen. Sie wird empfohlen als Warnung vor Jenseitskontakten, speziell sogar vor Tonbandstimmeneinspielungen. Deshalb müssen wir uns näher mit ihr befassen. Die Autorin, eine sogen. 'einfache Hausfrau', kam, wie sie glaubt, über die Tonbandstimmenforschung schließlich in arge Bedrängnis. Es fing bei ihr so an: "Vor einigen Jahren erfuhr ich mit großer Freude von der Möglichkeit der Sprechverbindung mit Verstorbenen mittels eines Tonbandgerätes. Im November 1983 begann ich dann selber mit den Einspielungen. Ich ging völlig kritiklos und gutgläubig an die Sache heran. Schon bald hatte ich die ersten Stimmen auf Band. Ich war überglücklich und übertrieb das Einspielen von Jenseitsstimmen von da an maßlos. Ich saß fast jeden Tag in jeder freien Stunde nur noch vor dem Apparat und rief vor allem immer meinen Vater, den ich zwar nicht kennengelernt hatte, da er schon in meiner frühesten Kindheit verstarb, zu dem ich aber trotzdem immer eine innere Bindung hatte." Bemerkenswert ist hier erstens, daß sie das Einspielen maßlos übertrieb, und zweitens die eigenartige starke Beziehung zu einem nie gekannten Menschen, ihrem Vater, die im Verlauf der Schilderungen ganz deutlich als pathologische Fixierung erkennbar wird. Das 'maßlos übertriebene Einspielen' hält kein Gehirn aus, auch das robusteste nicht. Wie besonders labil die Verfasserin aber ist und wie wenig für Forschungsarbeit geeignet, kann man dieser Darstellung entnehmen: "Nachdem ich eine zeitlang nur kurze Mitteilungen bekommen hatte, vernahm ich eines Tages eine kleine Erzählung. Ich wunderte mich über die Länge der Mitteilung und kam zu dem Schluß, daß dies unmöglich über Tonband, sondern mir wohl telepathisch eingegeben worden sein mußte." Um herauszufinden, auf welchem Wege diese Erzählung zu ihr kam, hätte sie ja nur noch einmal in das Tonband hineinzuhören brauchen. Entweder war da der Text drauf, dann war es eine Tonbandstimmeneinspielung, oder er war nicht drauf, dann war er anders zustandegekommen - ob telepathisch oder per Phantasie, bleibt dabei offen. Die Autorin läßt das einfach so im Raum stehen. Diese Leichtfertigkeit ist typisch für sie und letztlich auch verantwortlich für die unangenehmen Erfahrungen, die sie in der Folgezeit machen mußte. Hier war die 'Schnittstelle' erreicht, wo sie vom ungefährlichen Tonbandstimmeneinspielen hineinrutschte in das Stimmenhören ohne Gerät, das als eindeutig pathologisch einzustufen ist. Dazu kam noch, daß ein Medium ihr schmeichelte: "Sie sind ja ein Medium!" und ein ahnungsloser 'Experte' ihr bestätigte, durch das Tonbandstimmenabhören hätte sich ihre bereits bestehende Medialität noch verstärkt. Sie hörte jetzt einfach so Dinge, die ihrer Eitelkeit guttaten: "Hier spricht Gott höchstpersönlich zu dir. An dir habe ich mein Wohlgefallen. Du bist eine Auserwählte." Ich finde es unverantwortlich von Medien und Experten, solch arme Naturen, wie die Autorin, in ihrer Psychose noch zu bestärken, statt das einzig Richtige zu tun, nämlich sie an einen Arzt zu verweisen. der ihr in diesem Stadium der Krankheit noch leicht hätte helfen können. Aber nein: Eine (nervöse) Erkrankung ist für sie etwas so Peinliches, daß sie unkritisch sofort zu der anscheinend weniger peinlichen Erklärung greifen, sie sei besessen. Das kann man auch als unterlassene Hilfeleistung ansehen! Ab sofort hörte sie gern hin. Jedes Geräusch wie Erbsenrühren oder Apfelkauen diente ihrer angeblichen Hellhörigkeit als Stimmenlieferant. Sie hatte damit endgültig die 'Büchse der Pandora' geöffnet. Alles das, was ein gnädiger Verdrängungsmechanismus in der menschlichen Seele unter Verschluß (Unbewußtes) hält, quillt nach oben ins Bewußtsein und erzeugt ein höllisches Inferno. Es wäre unfair, wenn ich als Psychologe die von der Autorin selbst gelieferten Hinweise für ihre Frustrationen hier analysieren würde, die aber letztlich ausschlaggebend waren für ihr leichtfertig heraufbeschworenem Leiden. Sie ist durch die Hölle gegangen, denn von nun an wurde sie gequält und gezwungen, Dinge zu tun, die sie nicht tun wollte, wie etwa stundenlang nackt im kalten Zimmer zu stehen oder auf dem kahlen Boden zu liegen. Folterqualen wurden ihr angekündigt, und sie spürte auch körperliche Schmerzen. Als Familienmitglied fiel sie vollkommen aus. Niemand konnte ihr helfen, weil ihr die 'Stimmen' verboten hatten, irgendetwas über sie zu sagen. Der immer wieder geäußerte dringende Wunsch ihrer Familie, sich doch in ärztliche Behandlung zu begeben, wurde von ihr entrostet abgelehnt: "Ich bin doch nicht verrückt!" Lieber hörte sie dann doch weiter die Stimmen an und befolgte ihre sinnlosen Befehle. Hier ist ein stark masochistischer Zug erkennbar. Der zeigt sich auch darin, daß sie alle ihre Leiden und erduldeten sadistischen Quälereien mit einer wahren Wonne bis ins kleinste Detail vor dem Leser ausbreitet. Für die Autorin ist die einzig richtige Deutung, daß sie es mit der dunklen Seite ihres eigenen Unbewußten und nicht mit 'niederen Geistwesen' zu tun hatte, absolut absurd. Sie kann es sich einfach nicht vorstellen, daß 'so etwas' in ihrer Seele stecken könnte. Da ist es ihr schon lieber, wenn sie bösen Dämonen die Schuld in die Schuhe schieben kann. Schließlich wurde ihr doch durch ärztliche Kunst geholfen. Das ist zwar ihren Ausführungen zu entnehmen, aber sie geht darüber hinweg und beklagt sich über üble Nachwirkungen der ihr verabreichten Psychopharmaka. Deren Auswahl und Dosierung wäre bestimmt anders ausgefallen, wenn sie rechtzeitig in Behandlung gegangen wäre. Aber das hat sie ja hartnäckig hintertrieben. Außerdem kann man ihr nicht nachsagen, daß sie es der behandelnden Ärztin leicht gemacht hätte, denn sie hat diese bewußt belogen. Durch die Beschreibung der wieder in allen Details geschilderten unangenehmen Nachwirkungen der hilfreichen Psychopharmaka hindert die Autorin in sträflicher Weise andere Leidensgenossen daran, rechtzeitig ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Diese Schrift stellt eine Verleumdung der Tonbandstimmenforschung und der ärztlichen Kunst dar. Stattdessen wird dem finstersten Aberglauben des Mittelalters gehuldigt, als noch Hexen verbrannt wurden, weil sie mit dem Teufel verkehrt hatten. Mit diesen Zeilen möchte ich keineswegs behaupten, es gäbe keine Besessenheit. Nur war die Autorin nicht besessen, sondern schlicht krank. Ihre Symptome haben keine Ähnlichkeit mit den in der Literatur geschilderten Fällen von Besessenheit, sondern passen genau in den Rahmen der Psychosen, die in die Hand eines Arztes gehören. Und schließlich ist die Autorin ja auch durch ärztliche Kunst geheilt worden und nicht durch irgendeine Art von Exorzismus. Die Autorin glaubt in ihrem Sendungsbewußtsein, mit ihrer Broschüre den Menschen einen Dienst zu erweisen. Das Gegenteil ist der Fall: sie schadet ihnen durch ihre falschen Ratschläge.
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